Gesellschaft

Politische Jugendorganisationen in Rußland [ Abstract ]
Atommülleinfuhr - drohen ökologische Katastrophen? [ Abstract ]
Wird die Akademie der Wissenschaften zu einem Ministerium? [ Abstract ]
Mit dem Verstand nicht zu begreifen: Unterschiede zwischen russischem und westlichem Management [ Volltext ]
Der Ferne Osten Rußlands ist besser als sein Ruf [ Abstract ]

Politische Jugendorganisationen in Rußland
von
Grigori Melamedow, Politologe, Moskau


Die Mehrzahl der Jugendlichen steht politischen Aktivitäten eher skeptisch gegenüber
 
Viel wird in Rußland über Parteijugendorganisationen nachgedacht. Einige Parteien, wie die Kommunistische Partei, die Liberaldemokratische Partei und JABLoko, haben relativ früh versucht, die Jugend auch organisatorisch an sich zu binden. Allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Rußland unter Präsident Putin hat sich verändert. Die Umgebung Putins ist bestrebt, eine von oben geleitete Jugendorganisation aufzubauen. Es war zunächst die "Jugendeinheit" und dann die Bewegung "Die gemeinsam Gehenden".
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Atommülleinfuhr - drohen ökologische Katastrophen?

von
Borislaw Gussinski, Journalist, Minsk


In vielen Städten Rußlands kommt es zu Protesten gegen die Einfuhr atomarer Abfälle
 
Aus der Einfuhr atomarer Abfälle aus dem Ausland zur Wiederaufbereitung beziehungsweise Endlagerung verspricht sich der russische Staat Einnahmen in Milliardenhöhe. Tatsächlich aber hat das Land mit der Wiederaufbereitung und der Lagerung seines eigenen Atommülls aus Kernkraftwerken, Atom-U-Booten, Atomeisbrechern und Forschungsreaktoren erheblich zu kämpfen. Entgegen offizieller Verlautbarungen reichen weder die Lagerkapazitäten noch die der Wiederaufbereitung aus. Nun haben russische Fachleute ein neues Verfahren zur Verglasung von Atommüll mittels unterirdischer Nuklearexplosionen entwickelt.
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Wird die Akademie der Wissenschaften zu einem Ministerium?

von
Borislaw Gussinski, Journalist, Minsk


Drei erfolglose Versuche unternahm die Akademie, sich selbst zu reformieren
 
Nach den gescheiterten Versuchen der Nationalen Akademie der Wissenschaften (NAWB), sich aus eigener Kraft zu reformieren, hat der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko die Reform nun selbst in die Hand genommen. Basierend auf seinem Erlaß "Über die Verstärkung der Bedeutung der Wissenschaft und über die Reform der NAWB" hat er Michail Mjasnikowitsch zum Präsidenten der Akademie berufen. Dies hat zu Reibungen mit den Wissenschaftlern geführt.
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Mit dem Verstand nicht zu begreifen: Unterschiede zwischen russischem und westlichem Management

von
Alexander Firssow, Finanzdirektor der russischen Aktiengesellschaft "Klinskije napitki"


Viele deutsche Unternehmer und Manager, die sich in Rußland geschäftlich engagieren, klagen über ausufernde Bürokratie, Undurchsichtigkeit der Gesetze, Kompetenzgerangel sowie auch über die Arbeitsweise und -haltung der Russen, die sich so gar nicht mit dem deutschen Verständnis von Pünktlichkeit, Genauigkeit, Korrektheit und Zielorientierung in Einklang bringen läßt. Mit einem Augenzwinkern ist der folgende Beitrag über die Mentalitätsunterschiede und die Herausformung des besonderen Charakters der Russen zu lesen.

"Rußland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen."
Fjodor Tjutschew, russischer Dichter


Wenn Sie ins Geschäft in Rußland einsteigen oder Kontakte zu russischen Managern aufnehmen wollen, dann ist dieser Artikel für Sie genau richtig. Vielleicht finden Sie auch Interesse an russischen Sprichwörtern und Anekdoten über russische Manager.


Der russische Charakter

"Die Russen spannen langsam ein, fahren jedoch schnell."
Otto von Bismarck


Rußland ist ein riesiges Land mit langen kalten Wintern und kurzen regnerischen Sommern. So können sich die Russen im Winter lange und langsam auf den Sommer vorbereiten. Dann nämlich arbeiten sie in einer einzigen Mannschaft vom frühen Morgen bis zum Anbruch des Abends, sie bestellen die Felder und bringen die Ernte ein. Diese Lebensweise prägte die Einstellung der Russen zur Arbeit und formte den russischen Charakter. Im Unterschied beispielsweise zu den Japanern, die viel durch Gestik, Mimik und Intonation ausdrücken, ziehen es die Russen vor, alles im Detail abzusprechen und sich immer auszusprechen. Dies ist eine charakterliche Gemeinsamkeit von Russen und Deutschen. Im Unterschied aber zu den Deutschen lieben es die Russen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun: sie telefonieren, trinken Kaffee, geben ihren Kollegen Zeichen, hören Musik und denken zugleich ans Mittagessen. Sie langweilen sich und sind angespannt, wenn sie sich nur einer Sache widmen sollen. Eben aus diesem Grunde scheinen ihre Vorhaben immer ein wenig chaotisch zu sein. Die Russen halten oft die eigenen Zeitpläne nicht ein. Anzumerken ist, daß sie expressiver als die Deutschen und auf den ersten Blick weniger optimistisch zu sein scheinen.

"Kommt zu mir nicht mit einem Problem. Kommt zu mir mit einer Lösung!"
Haltung des amerikanischen Managers

"Ist das Problem erst formuliert, ist es bereits zur Hälfte gelöst!"
Haltung des russischen Managers



Proaktivität

"Brauche ich denn mehr als die anderen?"
Ewige Frage des Russen an sich selbst


Westliche Manager stellen Bewerbern für einen Arbeitsplatz häufig ein bis zwei sehr einfache Fragen, um ihre Proaktivität - also ihre Fähigkeit, ihr eigenes Schicksal gegen alle äußeren Umstände selbst zu bestimmen - abzufragen: "Wie hoch sind Ihre Ansprüche?" und "Wie sehen Sie Ihre Zukunft in drei bis fünf Jahren?" Antwortet der Bewerber, daß er sich in einer höheren Funktion und in einer höheren Gehaltsklasse sieht, so gilt dies im Westen als Merkmal seiner proaktiven Lebenshaltung.

Die russischen Bewerber hingegen sagen häufig: "Ich habe keine Ansprüche!" oder "Sie brauchen keine Sorge zu haben. Ich strebe keine hohe Funktion an!" Dies erklärt sich daraus, daß der Begriff "Anspruch" in Rußland eher negativ als positiv besetzt ist. In Rußland versteht man nämlich unter dem Streben nach beruflichem Aufstieg den Wunsch, sich über andere zu erheben - und in der Regel durch Beeinträchtigung von deren Interessen.

In Rußland denken sehr viele Menschen: "Du mußt so leben, wie es dir am besten gefällt, auch wenn du gar nichts erreichst." In Rußland gibt es kommerzielle Betriebe, die verlustbringend arbeiten, jedoch von guten Freunden oder Verwandten geführt werden. Die Beziehungen im Kollektiv werden höher geschätzt als Gewinne. Und Löhne und Gehälter werden nicht für die erbrachte Arbeitsleistung gezahlt, sondern zur Aufrechterhaltung der Existenz. Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn ein russischer Mitarbeiter, der um eine Gehaltserhöhung bittet, dies nicht mit seiner guten Leistung begründet, sondern damit, daß seine Familie mit dem niedrigen Einkommen nicht mehr auskommt.


Langsam und auf Mißerfolg gefaßt

"Eile mit Weile."
Russisches Sprichwort.

"Ich kann ewig auf Feuer, Wasser und fremde Arbeit schauen."
Feststellung eines russischen Managers

"Der Satz unseres Lebens: Wenn du dich nicht gewöhnst, verendest du; wenn du nicht verendest, gewöhnst du dich!"
Russisches Sprichwort


Von russischen Managern hört man immer wieder: "Man muß auf Besseres hoffen und auf das Schlimmste gefaßt sein." Im Westen gibt es diesbezüglich eine andere Einstellung: "Es gibt einen Plan für den Mißerfolg, der allerdings aus Motivationsgründen nicht ernsthaft erfüllt wird."

Um die Arbeitsleistung zu steigern, wird im Westen häufig auf das Verfahren sogenannter gespannter Pläne zurückgegriffen. Dabei werden dem Plan von vorneherein völlig unrealistische Ziele zugrunde gelegt. Aber die Hauptaufgabe dieses Plans ist ja auch die Motivation. Ziel ist, die Mitarbeiter in ihrer Mehrheit angespannt arbeiten zu lassen, um somit die Arbeitsleistung insgesamt zu steigern. Auch wenn der Plan nicht erfüllt wird, erhalten die Beschäftigten trotzdem eine kleine Prämie, denn immer wird zumindest ein Produktionswachstum verzeichnet. Wird der Plan dann aber vielleicht sogar erfüllt, so ist dies eine angenehme Überraschung für die Geschäftsleitung.

Entsprechend unterscheidet sich auch die Reaktion der russischen und der westlichen Bevölkerung auf ausbleibende Leistungen beziehungsweise auf die Nichterfüllung von Plänen. Droht Lohnausfall oder Schlimmeres, wird die westliche Bevölkerung aktiv, sie organisiert Betriebsversammlungen, ruft zu Kundgebungen und Demonstrationen auf. Die Russen sind im Prinzip immer auf die schlimmsten Entwicklungen gefaßt und reagieren entsprechend ruhig, indem sie meinen: "Der Bettelstab und das Gefängnis können einen immer heimsuchen."


Maßstäbe

Franzosen und Briten schickten sich an, den Tunnel unter dem Ärmelkanal zu bauen, und suchten ein Unternehmen für die Ausführung der Arbeiten.

Die Amerikaner schlugen vor, den Tunnel von beiden Seiten her zu bauen und die Röhren mit einer Genauigkeit von einem Meter zu verbinden. Bauzeit: zwei Jahre.

Die Japaner schlugen ebenfalls vor, an beiden Seiten zu beginnen, gaben aber an, mit einer Genauigkeit von fünf Zentimetern und einer Bauzeit von einem Jahr zu rechnen.

Da tauchte ein Vertreter der russischen Metro auf und sagte: "Wir werden von beiden Seiten her graben. Wir brauchen zwei Wochen. Wir garantieren nichts. Im schlimmsten Fall wird es zwei Tunnel geben!"

In Rußland mangelte es nie an Wald, an Grund und Boden oder Baumaterial. Daher waren es die Russen gewohnt, ein Mehr nicht durch sorgfältige und penible Nutzung der verfügbaren Ressourcen zu erreichen, sondern durch die Einbeziehung von mehr Weiden, mehr Wäldern, mehr Wasserflächen usw. Und dementsprechend höher war stets auch der Aufwand - mehr Arbeitskräfte, mehr Zeit, mehr Ressourcen. Diese Extensivität ist auch heute noch ein Merkmal der Russen. Im Ergebnis entwickelte sich eine Haltung der Mißachtung von Verlusten und dem entstandenen Schaden. Einerseits sind immense Maßstäbe, Verwegenheit und Risikobereitschaft feststellbar, andererseits aber auch Gleichgültigkeit und "Geratewohl".


Einstellung zum Geld

"Wenn Sie das Wort 'Geld' hören, dann suchen Sie nach einem Amerikaner. Wenn Sie das Wort 'Kultur' hören, dann suchen Sie nach einem Russen."
US-Manager über den Charakter der Russen


Die rauhe russische Natur hinderte die russischen Menschen lange Zeit daran, als Einzelfamilie zu leben und Eigentum zu besitzen. In Rußland waren traditionell Gemeinschaftseigentum und Gemeinschaftsnutzung verankert. Das betraf unter anderem den Boden, die Wälder, die Stauseen, das Erdinnere und den Wohnraum. Die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft lebten nicht in Reichtum, dafür aber im Kollektiv. Derjenige, der relativ großen Reichtum angesammelt hat, wurde stets mit Argwohn betrachtet. Diese Haltung kommt im russischen Sprichwort "Die ehrliche Arbeit bringt keine Steingemächer ein" zum Ausdruck.

Ein neuer Russe fragt den anderen: "Bruder, wie lebst du?" "Ich lebe mit zwei Prozent vom Geschäft." "Was für ein Geschäft hast du?" "Ich kaufe für einen Rubel und verkaufe für drei. Ich lebe von den erwirtschafteten zwei Prozent."

Die Finanzrechnung ist in Rußland miserabel organisiert. Jegliche Berechnungen beschränken sich auf das Zwischenergebnis (Verkaufsvolumen, Selbstkosten und besteuerbare Gewinne) und erstrecken sich nicht auf den realen Gewinn der Unternehmer.


Einstellung zum Staat, dem Gesetz und Diebstahl

Der Feuerwehrchef betritt den Mannschaftsraum: "So, Leute, wollen wir langsam mal aufbrechen. Das Gebäude der Steuerpolizei brenntů"


In Rußland hat sich historisch eine Situation entwickelt, in der die Regierung respektiert wird und die Regierungsmitglieder nach ihren menschlichen Eigenschaften höher bewertet werden als die normalen Bürger. Zugleich galt die Regierung immer als eine bürgernahe Instanz, an die man sich problemlos wenden konnte. Der Staat war für den Einwohner Rußlands immer etwas Unermeßliches, Unerklärliches. Hatte man an den Staat abzuführen, sollte man diese Abgabe schnellstens vergessen: Sie verschwand ohnehin spurlos in den endlosen Weiten des Staates. Andererseits wurde der Staat als so reiche Instanz gesehen, daß man sich stets problemlos etwas "ausleihen" konnte.

Einige Journalisten wollen herausfinden, wie man einen Menschen veranlassen kann, von einer Brücke zu springen. Ein Amerikaner kam vorbei. Sie sagten: "Sir, Sie erhalten eine Million Dollar, wenn Sie von der Brücke in den Fluß springen." Der Amerikaner forderte einen Vertrag und Vorauskasse und sprang daraufhin ruhig in den Fluß.

Dann kam ein Deutscher vorbei. Sie sagten: "Sie bekommen eine Million Dollar, wenn Sie von der Brücke in den Fluß springen." Der Deutsche weigerte sich. Dann sagten sie: "Es ist eine strikte Anordnung Ihres Vorgesetzten, von der Brücke zu springen." Der Deutsche sprang.

Ein Russe kam vorbei. Sie sagten: "Sie bekommen eine Million Dollar, wenn Sie von der Brücke in den Fluß springen." Der Russe: "Ich pfeife auf eure Millionen!" "Ihr Chef befiehlt Ihnen, von der Brücke zu springen." "Ich pfeife auf die Anordnungen!" "Wissen Sie überhaupt, daß es verboten ist, von dieser Brücke in den Fluß zu springen?" Mit den Worten "Ich pfeife auf eure Verbote", stieg der Russe über das Geländer.

Ausländer wundern sich in der Regel, wie unbedacht die Russen ihre eigenen Gesetze im Notfall oder auch einfach so verletzen können.


Einstellung zur Umwelt

Ein Fahrgast fragt im Zug: "Schaffner, darf man hier rauchen?" "Nein!" "Woher kommen denn dann die ganzen Kippen?"
"Von denjenigen, die keine Fragen stellen."

Es gab in Rußland immer viele Wälder und Flüsse und wenige Menschen. Die Russen haben bis heute nicht genau berechnet, wieviele Wälder, Seen, Flüsse und Landwirtschaftsflächen ihnen zur Verfügung stehen. Ein Großteil der Russen betrachtet Grund und Boden nach wie vor als gesellschaftliches Eigentum, das nur dem Staat gehören kann. So erklärt es sich, daß so viele unserer Bürger völlig unbedacht Speisereste, Papier und Zigarettenkippen aus dem Auto werfen und damit die Umwelt verschmutzen. Die Russen denken dabei, daß die starke Natur alles leicht verarbeiten kann. In Rußland wird häufig gesagt: "Wird Holz gefällt, fliegen Späne." Dieses Sprichwort setzt voraus, daß im Arbeitsprozeß einzelne Momente im Interesse des Endproduktes vernachlässigt werden dürfen. Man macht sich keine Gedanken über Abfälle und kümmert sich nicht um den Umweltschutz. Eine sorgfältige Haltung zur Natur ist dem Wesen des russischen Managers leider relativ fremd.


Korruption

"Blumen und Konfekt trinke ich nicht!"
Leitsatz im Arbeitszimmer eines Beamten


Die Zentralisierung der Macht weist einen ernsten Mangel auf, nämlich daß viele Entscheidungen nur auf höchster Ebene getroffen werden können. Im Westen wurde dieses Problem durch Dezentralisierung und Abgrenzung der Befugnisse gelöst. In Rußland hingegen wurde die Entscheidungsfindung den Beamten vor Ort übertragen. Im Ergebnis haben wir nun mit zwei Problemen zu tun. Erstens werden die Gesetze vor Ort unterschiedlich interpretiert. Zweitens nehmen die Beamten Schmiergelder für die Entscheidungen beziehungsweise einfach für die Nichteinmischung.


Informationsaustausch

"Trag den Müll nicht aus dem Haus heraus."
Russisches Sprichwort über die Weitergabe negativer Informationen über die Kollegen und das Kollektiv


In den westlichen Ländern kontrolliert die Bürgergesellschaft die Staatsmacht und kann den staatlichen Behörden Informationen vermitteln, da sie sicher ist, daß diese nicht gegen die Gesellschaft benutzt werden können. In Rußland hingegen ist historisch gewachsen, daß die Staatsmacht höher als die Gesellschaft steht, stärker und unkontrolliert ist. Dies schlägt sich auch auf Unternehmensebene nieder. Ein der Geschäftsführung zugeleiteter Bericht über die reale Lage beziehungsweise die Stimmung im Betrieb wird in vielen russischen Betriebskollektiven nach wie vor als unmoralisch betrachtet. Man zieht es vor, die Probleme im engen Kreis zu behandeln.

Ich möchte beispielhaft den Fall eines ausländischen Unternehmens anführen, das in Rußland die Produktion aufbaut.

Zwei Ingenieure - beide etwa gleich alt und erfahren - hatten sich zerstritten. Der russische Ingenieur beging ein vom Standpunkt der russischen Mentalität her "kleines" Vergehen. Der Ausländer meldete dies sofort der Geschäftsleitung. Der russische Ingenieur wurde materiell nicht bestraft, fühlte sich aber in seinem Ehrgeiz getroffen. Auf einem Fest kam es zwischen den Ingenieuren zu einem Streit, der beinahe mit einer Rauferei geendet hätte. Bei der Klärung des Vorfalls wurden beide Seiten gehört. Der russische Ingenieur argumentierte, daß der Ausländer, wenn er ein anständiger Mensch wäre, ihn (den russischen Ingenieur) auf das Vergehen hätte hinweisen und damit die Frage hätte beenden müssen. Es sei gemein und denunziatorisch, den Vorfall der Obrigkeit zu melden. Der ausländische Ingenieur hingegen vertrat vollkommen überzeugt das Gegenteil: Ein solches Vergehen kann immer wieder vorkommen. Um weitere derartige Fälle zu vermeiden, mußte das Vergehen der Betriebsleitung zur Kenntnis gebracht werden. Bei der Erörterung wich keiner der Beteiligten von seiner Haltung ab und einer ärgerte sich über den anderen.


Verhalten in der Gesellschaft

Ein Brite, ein Franzose und ein Russe kamen ins Restaurant. Es wurde Tee serviert. Dsin! - der Teelöffel schlug zufällig das Glas an. "Entschuldigung!" sagte der Brite eiligst. Dsin! - schlug der Franzose das Glas an. "Entschuldigung!" sagte der Franzose. Der Russe: "TAUSENDFACH Entschuldigung!!!" - Dsin, dsin, dsinů

Eine Besonderheit des russischen Charakters ist der Wunsch, in der Gesellschaft möglichst gut auszusehen, auch wenn man keine konkreten Kenntnisse hat, wie man sich zu verhalten hat. Häufig kommt dies in einer übermäßigen Manierlichkeit und Höflichkeit sowie in einer gewissen Gezwungenheit zum Ausdruck.


Weist das russische Management etwas Gutes auf?

"Es gibt kein Unheil ohne Heil." Russisches Sprichwort


Meine Ausführungen bedeuten nicht, daß der russische Charakter und der russische Managementstil nur Unzulänglichkeiten und keine Vorteile aufweisen. Ich möchte abschließend auf besonders positive Merkmale verweisen:

Schöpferische Herangehensweise ist gerade bei der Lösung von Problemen zu bemerken. Zielstrebigkeit zeigt sich gerade dann, wenn ein gesetztes Ziel erreicht werden soll.

Positiv ist auch die hohe Anpassungsfähigkeit der Russen. Vertreter vieler Nationalitäten stellen fest, daß russische Fachleute und Manager in einem fremden (sprachlichen oder kulturellen) Milieu oft überlebens- und aufstiegsfähiger sind als Menschen, die in diesem Milieu aufgewachsen sind.

Von großem Wert ist die Teamfähigkeit der Russen. Das, was im Westen in Seminaren mühselig antrainiert wird, ist in Rußland Tradition. Der russische Mensch kann in vielen Fällen seine persönlichen Interessen für die Interessen der Gesellschaft (des Landes, des Unternehmens, des Kollektivs) hintanstellen.

Eine weitere positive Besonderheit des russischen Charakters ist die Fähigkeit, die guten Beziehungen zu anderen Menschen über den eigenen materiellen Wohlstand zu stellen. Diese Haltung ist in vielen russischen Sprichwörtern und Parabeln festgehalten: "Ein guter Ruf ist besser als Reichtum", "Hab nicht hundert Rubel, sondern hundert Freunde", "Gib das letzte Hemd ab", "Vor der Gemeinschaft ist auch der Tod schön".

Auch einige, auf den ersten Blick negativ erscheinende Merkmale weisen durchaus positive Aspekte auf. Langsamkeit kann unvermittelt in hohe Arbeitsintensität übergehen. Zerstreute Aufmerksamkeit kann sich mit der Fähigkeit verbinden, viele Dinge gleichzeitig vollbringen zu können. Gastfreundlichkeit kann sich zur Fähigkeit entwickeln, in einer Mannschaft zu arbeiten.

Mit jedem Tag wollen in Rußland stetig mehr Manager ihr Leben und ihre Umwelt verbessern. Es mangelt ihnen vielleicht an Kenntnissen und Erfahrungen, aber eben sie verändern Rußland und formen den Stil des russischen Managements.

Versuchen Sie, die Merkmale des russischen Charakters nicht rundweg abzulehnen, sondern positive Seiten darin zu sehen und zu nutzen. Dann werden Sie zweifellos Erfolg haben.
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Der Ferne Osten Rußlands ist besser als sein Ruf

von
Konstantin Abert, Bingen


Die Negativberichterstattung über den russischen Fernen Osten in westlichen wie den russischen Medien hat das Bild einer von Armut, Korruption, Bestechlichkeit, Illegalität und Kriminalität dominierten Region nicht nur in westeuropäischen Ländern, sondern auch in den westlichen Landesteilen Rußlands verfestigt. Tatsächlich aber hat der russische Ferne Osten in den letzten Jahren ungeheure Entwicklungssprünge gemacht, auch wenn die mit der Armut und der sozialen Ungerechtigkeit verbundenen Probleme wie überall in Rußland noch lange nicht überwunden sind.
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