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Museum Berlin-Karlshorst - Der Nachhall des vergangenen Krieges hält die Erinnerung wach


Museum Berlin-Karlshorst - Der Nachhall des vergangenen Krieges hält die Erinnerung wach

von
Elizaveta Liphardt


 Blick auf das Museum
Das Haus in der Zwieseler Straße 4 in Berlin war in seiner Geschichte mehrmals Schauplatz historischer Ereignisse. Es wurde in den Jahren 1936 bis 1938 als Offizierskasino der „Pionierschule I" der deutschen Wehrmacht erbaut. Ende April 1945 zog das Hauptquartier der 5. Sowjetischen Stoßarmee dort ein.

In der Nacht vom 8. zum 9. Mai unterzeichneten hier Generalfeldmarschall Keitel, Generaladmiral von Friedeburg und Generaloberst Stumpff als Vertreter der drei deutschen Teilstreitkräfte die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Damit war das Ende des Zweiten Weltkrieges Wirklichkeit. Im Oktober 1949 wurde hier dem Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl im sogenannten Kapitulationssaal seitens der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland die Verwaltungsfunktionen übergeben.


Im November 1967 wurde in dem Haus eine Gedenkstätte und ein Museum eingerichtet. Das „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 bis 1945" diente in erster Linie der ideologischen Schulung der sowjetischen Soldaten, indem es vor allem an die Eroberung Berlins und die deutsche Kapitulation erinnerte.

In dieser Form existierte das Museum bis 1990, als der Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland vereinbart wurde.

Noch im selben Jahr einigten sich die deutsche und die russische Seite darauf, an diesem Ort in Zukunft gemeinsam an den Krieg, der für beide Länder zu den schrecklichsten Abschnitten ihrer Geschichte zählt, und an die Kapitulation zu erinnern, mit der der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Herrschaft beendet wurden.

Eine deutsch-russische Expertenkommission aus Historikern und Museumsfachleuten entwickelte ein neues Konzept für das Museum und machte sich an die Umsetzung. Es wurde ein deutsch-russischer Trägerverein für das neue Museum Berlin-Karlshorst gegründet, das dann 1995 zum 50. Jahrestag des Sieges über den Faschismus wiedereröffnet wurde.

Die neuen Schwerpunkte, die bei der Gestaltung der Ausstellung besonders beachtet wurden, liegen weniger auf dem „Heldenhaft-Pathetischen", wie das noch im alten Museum der Fall war. Vielmehr stehen nun die Opfer des Krieges auf beiden Seiten im Vordergrund. Die Ausstellung widmet der Zivilbevölkerung nicht weniger Beachtung und Raum als den Soldaten. Außerdem strebt sie an, durch Genauigkeit und differenzierte Herangehensweise Klischees abzubauen, die die gegenseitige Wahrnehmung beeinträchtigen könnten.

In den Ausstellungsräumen werden mit Waffen, Uniformen, Fahnen, Originalobjekten des militärischen Alltags, Fotos, Ölbildern und Skulpturen sechzehn Themenbereiche präsentiert. Ergänzt wird die Ausstellung durch einführende Texte, Karten und Graphiken sowie authentisches Film- und Tonmaterial. Vom ehemaligen Kapitulationsmuseum blieben der Kapitulationssaal, das Arbeitszimmer Marschall Schukows sowie das große Diorama „Sturm auf den Reichstag" unverändert erhalten und wurden viele Ausstellungsstücke übernommen, die den Grundstock des neuen Museums bilden. Dessen Neugestaltung wurde von zahlreichen Museen, wissenschaftlichen Einrichtungen und vielen privaten Helfern unterstützt.

In erster Linie haben das Zentrale Museum der Streitkräfte in Moskau und das Deutsche Historische Museum in Berlin mit Exponaten aus ihren Beständen zum Aufbau der Exposition beigetragen und organisatorische Hilfe geleistet. Auch die Stiftung „Topographie des Terrors" hat Fotos und Dokumente beigesteuert.

Die Ausstellung ermöglicht dem Besucher, den Zweiten Weltkrieg von seiner Vorgeschichte bis hin zu den Nachkriegsbeziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu verfolgen. Dokumente zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1917 bis 1933, zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 erörtern das Vorfeld und den Beginn des Krieges. Zahlreiche Materialien dokumentieren die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und bilden den Soldatenalltag auf beiden Seiten und das Leben der sowjetischen Bevölkerung im Krieg ab.
Besonders viel Aufmerksamkeit wird in diesem Zusammenhang dem fotografischen Material geschenkt. Wie Dr. Peter Jahn, der wissenschaftliche Leiter des Museums, erklärt, hat die Fotografie einen ganz spezifischen Bezug zur Realität. Während man mit einem Vortrag oder mit einem Buch eine Sichtweise erörtern und begründen, auf den anderen eingehen, gegebenenfalls seine Position argumentativ verteidigen kann, bietet die Fotografie all diese Möglichkeiten nicht. Sie kann dem Betrachter nur einen Anstoß zum Nachdenken geben, indem sie ihm die Geschehnisse kommentarlos, wenn auch mit einer bestimmten Intention, vermittelt.

 Foto aus der Ausstellung mit Bildern
 des Fotografen Michail Sawin
Die fotografische Darstellung in den Räumen des Museums erfährt selbstverständlich eine Ergänzung durch die Ausstellung begleitende Texte, doch der spontane Eindruck wird in erster Linie von den schwarz-weißen Zeugnissen der traurigen Vergangenheit hervorgerufen. Durch die optische Unmittelbarkeit ist der Betrachter den aufeinander abgestimmten, beeindruckenden Wirklichkeitsfragmenten gewissermaßen ausgeliefert, die Fotos sprechen ihn emotional sehr stark an. Aber es ist zu bedenken, daß beispielsweise eine unmotivierte Anhäufung von Brutalität in der Darstellung menschlicher Ohnmacht keineswegs eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Krieg fördern würde, sondern nur dazu imstande wäre, Wut, ja vielleicht sogar Haß unnötig zu provozieren. Damit würde das Ziel der Gedenkstätte sicherlich verfehlt.
Deshalb bedarf es hochgradiger Sensibilität und eines Geschicks im Umgang mit dem Fotomaterial und dessen Anordnung.


 Toast auf den Frieden am 8.Mai 1998
 MuseumsdirektorJahn, Dolmetscherin und
 zwei Kriegsveteranen aus Rußland
 und Deutschland (v.n.l.r.)
Dr. Jahn strebt mit seinem Konzept der Fotoausstellung an, daß der Besucher auf angemessene Weise mittels der Fotografie dem Antlitz des Krieges entgegentreten kann. Dieses Konzept vergleicht er mit dem Schild des Theseus. Der Held der griechischen Sage konnte dem tödlichen Blick der Medusa standhalten, indem er nicht das Ungeheuer, sondern dessen Spiegelbild im Schild ansah. So ging er unbeschadet als Sieger aus dem Kampf hervor.

Die Fotos, die einen wichtigen Teil der Ausstellung bilden, erzählen in bewußt distanzierten Tönen die Geschichte des Krieges, begleiten den Betrachter durch die Jahre des Kampfes und der Trauer. Es wird nicht auf das Spektakuläre gesetzt, sondern in vielen Bildern ist eine Botschaft enthalten, die die abgebildeten Personen zugleich zu symbolischen Figuren macht, sie über die persönliche Erfahrung hinaus erhebt.
Einzelschicksale werden zu Schlüsselfiguren der Epoche. Die subjektive und die allgemeine Deutung der historischen Situation erlebten durch die Aufnahmen eine überzeugende Vermittlung. Das Foto als Dokument und Kunstwerk zugleich, als zentrales Medium der Erinnerung, das sich an den Betrachter wendet und zu einem nachdenklichen inneren Dialog einlädt - das ist das Konzept der Ausstellung im Museum Berlin-Karlshorst.
Entsprechend der hohen Wertschätzung der Fotografie ist in den kommenden Jahren eine ganze Folge von Fotoausstellungen geplant, die einen Schwerpunkt bei den Wechselausstellungen bilden sollen. Der erste Kriegsfotograf, den das Museum Berlin-Karlshorst den Besuchern 1998 bereits vorgestellt hat, ist der russische Fotokorrespondent Michail Sawin. Er hielt den Krieg vom Beginn des deutschen Überfalls bis zum 9. Mai 1945 mit der Kamera fest und hat nicht nur Kämpfe und Siege abgelichtet, sondern in seinen Bildern auch den Opfern des Krieges Sprache gegeben. Ihm folgt Timofei Melnik, dessen Ausstellung am 22. Oktober eröffnet wurde. Viele von Melniks Bilder zeigen die Kämpfe in Berlin in der letzten Phase des Krieges.

 Vitrine in den Ausstellungsräumen
Gegenwärtig hat das Museum Berlin-Karlshorst mit einigen Problemen zu kämpfen, darunter vor allem mit finanziellen. Derzeit besteht das gesamte Personal des Museums aus zwei Wissenschaftlern, einem Sachbearbeiter und dem Hausmeister. Tatsächlich benötigt man aber mindestens fünf Wissenschaftler für die anstehende Arbeit. Viele neue Ideen können nicht umgesetzt werden, weil einfach Arbeitskraft fehlt. Dabei kann sich das Museum nicht über Mangel an Interesse beklagen. Um nur einige Zahlen zu nennen: 1996 haben 23000 Menschen das Museum besucht, 1997 waren es 29000, und bis August 1998 lag die Besucherzahl bereits bei 22 000 Menschen.
Allein im Rahmen der „Langen Nacht der Museen" am 22. August in Berlin haben 600 Interessierte die Ausstellung auf sich wirken lassen. Unter den Besuchern sind viele Schüler, Jugendliche, Touristen und Soldaten, aber auch diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben und nun versuchen wollen, ihre persönlichen Erinnerungen, die natürlich als eigene Leidensgeschichte im Gedächtnis geblieben sind, mit der Darstellung des Museums zu vergleichen, die einen Bezug zur historischen Sichtweise ermöglicht.
Es ist nicht einfach, durch dieses Museum zu gehen. Es ist nicht einfach, aber auf jeden Fall der Mühe wert, die Geschichte unter dem Blickwinkel des Menschlichen zu sehen, um zu begreifen, daß Krieg als Mittel der Politik unter allen Bedingungen für die Zukunft ausgeschlossen werden muß. Das Museum Berlin-Karlshorst ist eine Chance für alle, die einen Ausflug in die Vergangenheit wagen möchten und von dem Wunsch geleitet sind, eine vorbehaltlose und vorurteilsfreie Darstellung eines Kapitels aus dem Schicksal des deutschen und des russischen Volkes zu erleben, und dabei keine Angst haben, einer schmerzlichen Episode der eigenen Geschichte von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten.


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