|
| ||||||||||
Die Republik Belarus liegt im Herzen Europas, bleibt aber auch zehn Jahre nach dem Zerfall der UdSSR eine Terra incognita. Die Geschichte von Belarus ist geprägt von Auseinandersetzungen und Kriegen zwischen West- und Osteuropa. Hier stoßen Katholizismus und Orthodoxie aneinander und beeinflußten Kultur und Gesellschaft in den Regionen. Unermeßliches Leid über das Land brachte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Das Spezial widmet sich nicht nur der wechselvollen Geschichte, sondern führt Sie in die Welt der Kirchen- Volks- und modernen Kunst, nimmt Sie mit in die Museen, Theater und zu vielen Sehenswürdigkeiten. Anhand von Alltagsgeschichte und -geschichte läßt es das belarussische Volk in Ost und West erstehen. Incl. großem Serviceteil mit Informationen von A bis Z, Adressen und Telefonnummern. Belarus - Gruppenporträt in Moll mit Selbstbildnis von Pjotr Sadowski, ehemaliger Botschafter der Republik Belarus in Deutschland, Minsk
Geographie und Mentalität Bezieht man die Bismarcksche Aussage über den Einfluß der Geographie auf die Außenpolitik auf den Charakter einer Nation, so dürfte sie auch in diesem Falle richtig bleiben: Die Geographie ist die einzige Konstante im Charakter einer Nation. Wenn man rein äußerliche Merkmale der gesamten Landschaft nimmt, also zum Beispiel solche wie bebaute und unbebaute Flächen, Wälder, Flüsse, Bodenerhebungen, Sümpfe, die Flora, und diese dann mit der authentischen Gesangs- und Sprachmelodie, den Gesten und den Trachten, der traditionellen Malerei und den Volkstänzen vergleicht, so merkt man bei uns in Belarus keine jähen Übergänge, Gefälle, Kontraste und Diskrepanzen (natürlich muß man dabei solche Phänomene wie die Jugendkultur und -mode oder die Avantgardekunst unberücksichtigt lassen). In belarussischen Volksliedern und Märchen hört man nichts von wundersamen Weiten, wo man sich unbändig tummeln und seine kämpferische Verwegenheit vielleicht dadurch demonstrieren kann, daß man seinem vorüberziehenden Nachbarn "die Rübe von den breiten Schultern abschlägt". Unsere Melodien und Bildfarben, Tanzbewegungen und die Sprachintonation, ja, sogar die zeitgenössischen Literaturgenres sind wie unsere Landschaft: ausgewogen und beherrscht, ohne Ausgelassenheit, manchmal ein wenig monoton, von eintönigen Wiederholungen bis zu allmählichen harmonischen Rondoeffekten. Versetze ich mich in Gedanken in andere Winkel der Welt mit anderen Landschaften, finde ich mich häufig im georgischen Teil des Kaukasus oder in Oberbayern wider. Dort ist alles anders: da kann man "Echo rufen" oder "ins Tal jodeln". So auch in der Psyche...
Von mächtigeren Nachbarn dauernd angegriffen - dabei nicht nur im militärischen Sinne -, gaben abgestumpfte und abgeplattete Samenkörner - wie beim Mahlgut durch die Steine der Handmühle - sieche, aber zähe Keime für die bis heute erhaltene etwa zehn Millionen Menschen zählende Sippschaft - die Belarussen. Die belarussische Lebenszähigkeit, Sanftmut, Rück- und Nachsicht spiegeln sich im volksmündlichen Vergleich wider: "Man lebt wie die Erbse am Feldweg - jeder zupft im Vorbeigehen etwas ab." Die sprichwörtliche belarussische Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit finden ihren Ausdruck im bekannten resignativen Ausspruch: "Hauptsache, es gibt keinen Krieg." Nicht weniger aussagekräftig ist der Witz über einen Belarussen, der zum Tod durch den Strang verurteilt worden war. Nach Vollstreckung des Urteils blieb er drei Tage und Nächte hängen und doch am Leben. Als man ihn vom Galgen abnahm, soll er gesagt haben: "Ja, Kumpel, es hat weh getan, aber ich habe es überhangen." Nun redet man auch bei uns viel über NGOs, über "horizontale" Körperschaften der Selbstverwaltung, aber meine Landsleute - und vor allem die "Ossis" in den Gebieten Mogiljow und Gomel - stehen treu zur "Machtvertikale", praktisch apolitisch und gesellschaftlich nicht engagiert. (Es wäre in diesem Falle angebracht, sich an die aristotelischen Ausführungen über den Menschen als politisches Wesen zu erinnern: das griechische "polis" bedeutet "Stadt".) Und es wäre durchaus berechtigt, in diesem Sinne von der belarussischen Gesellschaft als einer ländlichen, apolitischen und ungenügend zivilengagierten Gesellschaft zu sprechen. Obwohl heute die Mehrheit der Bevölkerung (etwa siebzig Prozent) in Städten lebt, bleiben die meisten der "Pflaster-Newcomer", dabei mit warmen Klosetts, vom ländlichen Individualismus befangen. Genau wie der wackere deutsche Igel Pilopex: "Ich habe meine Stacheln und ich rolle mich zusammen, wenn draußen Unerquickliches passiert." Vieles, das relevant Negative und Positive, wäre auf diese beiden Faktoren - eine virulent gleichmütige Mentalität und die in sich gekehrte Ländlichkeit - zurückzuführen. Licht und Schatten Natürlich sind Licht und Schatten nicht voneinander zu trennen. Ein autochthoner - "bodenständiger" - Patriot kann zum Beispiel so manche Träger des belarussischen "binären" Patriotismus (eines belarussisch-russischen und eines belarussisch-polnischen Patriotismus) nicht besonders lieben. Andererseits könnte man die erwähnten Objekte der Nichtsympathie als Zeugnis einer modernen europäischen Toleranz werten.
Noch ein Beispiel aus diesem Bereich. Ich habe zufälligerweise einen russischen Komiker in Minsk und in Jaroslawl mit demselben Programm gesehen. Er gab kurze und manchmal ziemlich lange Witze zum besten. In Minsk wurde in beiden Fällen an der "richtigen Stelle" gelacht. Dabei hat man die längeren Witze immer "zu Ende gehört" und nie dazwischengeredet. In Jaroslawl war die kritische Zeit kürzer, die Zuhörer wurden unruhig. Man wollte schneller einen "Gag" - wie in Chicago. Die Fähigkeit, einem anderen ruhig zuzuhören (nicht unbedingt mit dem Versuch zu verstehen und einer unzweideutigen Reaktion) und dabei äußerlich ruhig und konform zu bleiben, ist wohl eher angeboren als das Ergebnis einer guten Erziehung. Dabei bedeutet diese äußere Gleichmütigkeit ganz und gar nicht das Einverständnis mit oder gar die Billigung der Aussage. Wenn eine Antwort kommt, wird sie fast immer lauten: "Ja, das dürfte stimmen..." Bei sich aber wird der Zuhörer denken: "Sehen wir mal, wie der Hase läuft..." Dieses reservierte Verhalten dem Neuen und Unbekannten gegenüber könnte man auch auf andere Situationen und höhere Ebenen übertragen: von der unnatürlich stillen Atmosphäre im Wagen einer Elektritschka bis zu den kaum vorangehenden wirtschaftlichen Transformationsprozessen. In der belarussischen Elektritschka, die am Wochenende vollgestopft mit kartoffelbeladenen Rentnern beispielsweise von Molodetschna nach Minsk fährt, spricht man auch unter für einen durchschnittlichen Europäer extremen Umständen im Flüsterton. In Rußland oder in Armenien hingegen schreit man von einem Wagenende zum anderen wie im Wald, auch wenn der Wagen nur halb voll ist. Die Schocktherapie bei den Wirtschaftsreformen ist nichts für Belarus. Nicht nur die achtzig Jahre Sowjetmacht und der charismatische Halbzigeuner Lukaschenko sind schuld daran, daß die Belarussen bis heute im Marktsozialismus verhaftet sind. Die Wurzeln reichen viel tiefer: in die Geographie und die ältere Geschichte. Auch wenn man das mittelalterliche Statut, die Gesetzessammlung des feudalen Rechts des "sogenannten Großen Fürstentum Litauen" (Bezeichnung von Karl Marx, womit er den slawischen Charakter desselben unterstrichen hat), aufmerksam liest, so findet man dort die Anfänge der bürgerlichen, der religiösen und der Alltagstoleranz. Natürlich kann man auch behaupten, daß die belarussischen Feudalen in grundlegenden politischen Beschlüssen - so zugunsten der Integration mit Polen - zu oft "klein beigegeben" haben. Man darf aber nicht vergessen, daß dies angesichts einer drohenden Todesgefahr aus dem Osten geschah. Diese Zwangswahl führte letzten Endes "zur Republik zweier Völker" und Ende des 17. Jahrhunderts zum Verlust der konfessionellen Toleranz und des Altbelarussischen als Kanzleisprache zugunsten des Polnischen. Kurz darauf kamen die drei Teilungen der "Republik zweier Völker", und es begann eine Integration mit dem östlichen Nachbarn, die bis zum heutigen Tage anhält.
Unsere Wessis und Ossis Die äußerlich sichtbaren Unterschiede zwischen Ost und West in rußland- und polennahen Gebieten, die sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren allmählich verwischen, merkt man hie und da auch heute noch vom Fenster eines Zuges aus - so, wenn man aus dem Gebiet Gomel nach Brest oder aus dem Gebiet Witebsk nach Grodno fährt. Der Zustand von Straßen, Tankstellen, Wohn- und Wirtschaftshäusern, die Dienstleistungen, der Umgang mit den Fahrgästen - alles nimmt an Qualität zu, je weiter man nach Westen kommt. Dabei erinnert man sich unwillkürlich an ähnliche Unterschiede zwischen Ost- und Westpolen oder Ost- und Westberlin in den ersten Jahren nach der Vereinigung. Hinter diesen, auch für einen Fremden merklichen äußerlichen Unterschieden steckt etwas, das man ohne kurze historische Abschweifung kaum versteht. Man kommt ein wenig dahinter, wenn man einen "Studiengang" durch unsere protestantischen und katholischen Diözesen und die orthodoxen Eparchien unternimmt. Ganz vereinfacht dargestellt: Die westlichen Belarussen bleiben auf dem Boden der Tatsachen, auch wenn sie in der Kirche sind, die östlichen schweben auch dann glückselig zwischen der Erd- und der Himmelsfeste, wenn sie ihren Alltagsgeschäften nachgehen.
Besuchen wir je eine Messe bei den Baptisten, den Katholiken, den Unierten, den autokephalen Orthodoxen und den "Moskauer" Orthodoxen und achten wir dabei auf drei Dinge: äußere Aufmachung, Inhalt und Sprache der Messe. Erklären wir die drei Dinge für relevant, dann kommen wir zu einer binären Gegenüberstellung: nicht russisch-orthodox versus russisch-orthodox.
Der Inhalt der Predigten ist in dieser ersten Gruppe natürlich an den jeweiligen Kirchenkalender gebunden, aber der Priester - oder der Beauftragte - richtet auch stets ein aktuelles Wort an die Gemeinde: entsprechend dem Thema der Predigt nimmt er Stellung zu Ereignissen in der Gemeinde, in Belarus oder in der Welt. Dabei ist das Ambiente locker, beinahe wie in einer profanen Versammlung, nur nach den passenden Worten sucht man mit größerer Sorgfalt. Die Sprache unterscheidet sich nur wenig von der des Alltags. Jeder muß angesprochen werden. Alle sind wie Brüder und Schwestern, keiner fühlt sich klein oder von oben unterdrückt. Nach der Messe verlassen die Menschen das Gotteshaus, und man kann von ihren Gesichtern ablesen: "Wir sind eine Gemeinschaft, wir halten zusammen, alles wird gut sein."
Das Bild einer orthodoxen Messe ist in gewissem Sinne eine Allegorie vom irdischen modus vivendi heutiger belarussischer Ossis. Und nicht nur. Dies kam mir in den Sinn, als ich einmal mit meiner Frau an einem kalten Wintertag bei einer Messe in der Frauenkirche in München auf einer von innen geheizten Bank saß...
Ich bin einer von zehn Millionen Natürlich sind meine Impressionen sehr subjektiv. Die Vorfahren meiner Mutter waren Protestanten. Bei der kirchlichen Trauung mit meinem Vater, einem Katholiken, wurde sie katholisch. Das war Anfang der 20er Jahre. Ihre erste Tochter wurde in einer katholischen Kirche getauft (unser Dorf lag etwa zehn Kilometer von der polnischen Grenze nach dem Rigaer Vertrag von 1920). Ende der 20er Jahre, als die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft begann, zogen meine Eltern - nun schon mit zwei Töchtern - als "Freiwillige" zur Erschließung der Gebiete bei Tomsk und Omsk nach Sibirien. Vor dem Krieg kehrten sie nach Hause zurück. Zwei Söhne waren in Sibirien geboren worden, die älteste Tochter war dort gestorben. In der Zwischenzeit hatten die Sowjets alle Kirchen, gleich welcher Konfession, geschlossen beziehungsweise zerstört. Ab September 1939 wurden Katholiken als Feinde behandelt. Um so mehr mein Vater und meine Mutter. Der Vater hatte einen ausgesprochen polnischen Vor- und Vatersnamen - Vinzent Kazimirowitsch. Die Mutter war eine geborene Friedrich. Zudem waren zwei ältere Brüder meines Vaters vor Machtantritt der Sowjets Förster bei einem Gutsherrn. Beide wurden vor dem Krieg als "Volksfeinde" erschossen. Als ich das Licht der Welt erblickte, war von unserem Dorf aus im Umkreis von fünfzig Kilometern keine Kirche - weder eine orthodoxe noch eine katholische noch eine protestantische - zu sehen. So blieb ich zunächst gottlos. Nach Kriegsbeginn im Juli 1941 sickerten Schreckensgerüchte bis in unser Dorf: Die Deutschen erschießen ungetaufte Kinder. Drei Familien stöberten in einem weit entlegenen kleinen Dorf einen 80jährigen ehemaligen orthodoxen Kirchendiener auf und brachten ihn in der Nacht heimlich in unser Dorf. Es muß aber gerade mit dem Teufel zugegangen sein: Der Alte war nicht ganz nüchtern und verlangte vor Ort sofort ein Gläschen. Da die Sache keinen Aufschub duldete, ließen die Eltern es geschehen. Dann ließ der improvisierte Pope alle fünf Kinder antreten, sagte im Gesangston etwas Altkirchenslawisches, schlug einige Male das Kreuz über uns, drückte uns der Reihe nach ein großes Kreuz auf den Mund und bespritzte alle mit Wasser aus dem Taufbesen. So wurde ich im Kollektiv von einem betrunkenen Popengehilfen in der Nacht vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach improvisiertem orthodoxen Ritus getauft. Diese Episode erzählte mir meine ältere Schwester - meine Eltern starben im Krieg - viele Male in immer neuen Einzelheiten. Ich bin einer von diesen zehn Millionen. Uns passierte vieles unzeitig. Die Unzeit hält bis jetzt an. Sehr viele Belarussen leben heute provisorisch und warten auf eine "rechtzeitige" belarussische Geschichte.
|